Angedacht 02/2016

2016 02 00 Titel

Überraschende Veränderungen

Menschen knabbern manchmal jahrzehntelang an einem bestimmten Problem und finden keine Lösung. Sie möchten ihr Leben verändern. Aber sie kommen nicht von der Stelle.

Ich möchte die Geschichte eines Mannes erzählen, der ein solch großes Problem hatte. Er war physisch klein. Einen Kopf kleiner als die anderen, vielleicht noch mehr. Schon als Jugendlicher wurde er vermutlich dafür gehänselt. Hatte möglicherweise viel Mühe, sich durchzusetzen, Aufmerk- samkeit zu bekommen, echte Anerkennung. Als er älter wurde, entschied er sich, es allen anderen zu zeigen. Er beschloss, sein Problem zu lösen. Die Anderen, die ihn übersahen, verachteten, erniedrigten, sollten es zu spüren kommen. Und so entschied er sich Karriere zu machen. Und vor allem: Reich zu werden. Nicht nur ein bisschen. Sondern richtig viel Geld zu haben. Er wurde Chef einer Behörde, die in der Bevölkerung so richtig verhasst war. Er trieb Steuern ein. Im Namen der verhassten Besatzer. Und so wurde er reich, beneidet, gefürchtet, verachtet, gehasst. 

Aber er behielt sein „Problem“. Er blieb „klein“ ... und unzufrieden.

Eines Tages kündigte sich eine außergewöhnliche Persönlichkeit an. Je- sus sollte durch den Ort ziehen, an dem dieser Mann wohnte. Zachäus, so hieß der Mann, hatte schon viel gehört von Jesus. Zachäus war neugierig. Er wollte Jesus sehen. Aber einmal mehr stand ihm seine Körpergröße im Wege. So kletterte er auf einen Baum. Von oben hatte er einen guten Über- blick. Nur: Entdecken durfte ihn hier niemand. Ihn, den Oberzöllner. Das wäre megapeinlich.

Und: Jesus zog durch den Ort. Viele Menschen waren um ihn herum. Eine große Menge folgte ihm nach – ein langer Tross.

Plötzlich, als Jesus an dem Baum vorüberkam, auf dem Zachäus saß, schaute er hinauf. Und Jesus sprach ihn an. Ihn, der unentdeckt bleiben wollte, den anderen übersahen, mit dem keiner sonst zu tun haben wollte. Ihn sprach er an: „Zachäus, ich muss heute in dein Haus kommen und bei dir essen.“ Zachäus war überrascht. Das hatte er nicht erwartet. Das hat- ten alle anderen, die das mitbekamen, nicht erwartet.

Zachäus freute sich. Schon bald saß er mit Jesus zu Hause an einem reich gedeckten Tisch. Menschen kritisierten ihn heftigst: „Wie kann der Meister, der Gott so nahe steht, mit einem solchen Subjekt zusammen essen? Weiß er nicht, was für einen Halsabschneider, Ausbeuter, Erpresser er vor sich hat? Hoffentlich sagt er diesem ein paar klare Worte.“

Wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir, es gibt Dinge auch in unserem Le- ben, die lassen sich nur schwer oder gar nicht ändern. Vielleicht haben wir schon vieles versucht und nehmen immer wieder einen neuen Anlauf, um etwas zu verändern. Wir sind ja schließlich Christen und Nachfolger Jesu mit einem hohen moralischen Anspruch. Aber es gelingt nicht wirklich. Was Zachäus wirklich verändert, ist denn auch überraschend: Es ist die Tatsache, dass Jesus ihn sieht. Dass Jesus ihn anspricht und ihm Aufmerk- samkeit und Nähe schenkt. Mit ihm zusammen isst ...

Ich bin überzeugt, dass dies heute noch die Quelle aller Veränderung ist, auch in unserem Leben. Es ist einfach die Tatsache und die Erfahrung: Jesus sieht mich. Er ist für mich da. Er schenkt vor allem meinem Herz das, was ich brauche. Es sind nicht die Appelle, das schlechte Gewissen, ein starker Wille oder anderes, sondern Jesus, der den Anstoß zur Veränderung gab und gibt. Denn: Nur das, was Gott bewegt, kann (wirklich) bewegt werden. In diesem Sinne wünsche ich euch allen „viel Bewegung“ im vor uns liegenden Jahr ...

Euer Guntram Guldner